Umgebung und Architektur

In den 1970er-Jahren fiel der Entscheid, den SONNENBERG von Fribourg nach Baar zu verlegen. Damit wurde ein Neubau ganz nach den Bedürfnissen von Sehbehinderten möglich – der heute noch überzeugt.

Planen für Sehbehinderte

Das besttrainierte Sinnesorgan des Architekten ist das Auge. Für ihn ist es besonders schwierig, sich in die Welt sehbehinderter und blinder Menschen einzufühlen. Wie erleben sie räumliche Strukturen, wie Architektur und wie orientieren sie sich darin? Welche Rollen spielen für sie Formen, Materialien oder räumliche Abläufe? Die Antworten sehbehinderter Menschen auf diese Fragen waren für den Architekten Peter David Weber die Grundlage der Planung.

Details sind wichtig

Im Unterschied zu sehenden Menschen nehmen Sehbehinderte zuerst die Details, die kleinen buchstäblich begreifbaren Strukturen wahr. Danach erst erschliessen sie sich das grosse Ganze wie zum Beispiel ein Haus. Diesen "umgekehrten" Weg musste auch der Architekt gehen. Zuerst plante er die Details, die strukturell gleich aufgebaut sein mussten wie die gesamte Anlage. Er konnte also nicht einfach eine schöne Aussenhülle gestalten, in die er dann die Funktionen einfüllen konnte.

Architektur muss Sehbehinderten die Orientierung erleichtern, und dies in einer ganzen Anlage wie dem SONNENBERG. Dazu dienen neben dem eigentlichen architektonischen Konzept auch Hilfsmittel wie spezielle Bodenbeläge, Treppengeländer oder akustische Massnahmen. Zugleich muss Architektur für Sehbehinderte aber auch "Trainingsgelände" für das Leben in der Welt der Sehenden sein.

Architektonische Grundstruktur des SONNENBERG

Der SONNENBERG ist Schule und Wohnbau. Diese zwei müssen sich voneinander unterscheiden und doch eine Einheit bilden. Dazu dienen unter anderem Aktionsräume als Verbindung zwischen Schule und Wohnen wie zum Beispiel Spielhof, Pausenhalle, Wasserspiel, Höfe für Freiluftschule und so weiter.

Durch die ganze Anlage führt ein Weg als Hauptachse, der alle wichtigen Bereiche verbindet. Aus dem Dorfzentrum Baar beziehungsweise vom Bahnhof gelangt man direkt über diese Achse in den Spielhof, das Zentrum der Anlage. Darum herum sind Schulräume und Wohneinheiten angeordnet.

Für sehbehinderte Kinder hat ein Gebäude idealerweise zwei Geschosse, damit es einfach nur ein Oben und ein Unten gibt und keine Zwischenebenen, welche die kindliche Raumvorstellung überfordern. Bei weniger Geschossen können die Kinder ihre Umgebung vorwiegend in horizontalen Beziehungen verstehen wie vorne - hinten oder links - rechts.

Orientierung dank Merkpunkten

Für Sehbehinderte haben die Sinne Tasten, Hören und Riechen eine besondere Bedeutung; viele entwickeln hier ungeahnte Fähigkeiten, an die der SONNENBERG architektonisch anknüpft. Zahlreiche die Sinne ansprechende charakteristische Merkpunkte erleichtern die Orientierung:

Hören

Signale wie Brunnengeplätscher oder das Gezwitscher aus der Volière markieren im SONNENBERG Wegkreuzungen. Unterschiedlich grosse Nischen zum Beispiel bei Türen bilden charakteristische akustische Räume.

Tasten

Relief-Markierungen an der Wand und am Boden, wie sie auf dem Perron im Bahnhof angebracht sind, zeigen Grenzen an, zum Beispiel den Beginn einer Treppe. Auch Möbel können Merkpunkte sein, doch ist es wichtig, dass sie nicht zu Hindernissen werden.

Riechen

Duftpflanzen (zum Beispiel im Wintergarten) lassen sich für Menschen mit einem gewissen Sehrest durch auffällige Blüten visuell verstärken.

Sehen

Für Menschen, die noch über einen Sehrest verfügen, sind die Türen und Decken in verschiedenen, starken Farben gestrichen. Und Beschriftungen sind kontrastreich in Gelb auf dunklem Grund gehalten. Selbst Blinde reagieren teilweise auf solche Lichtquellen. Deshalb sind wichtige Orte wie Hauptkorridore und Türen auch mit natürlicher und künstlicher Beleuchtung betont.

Sicherheit

Kinder haben einen angeborenen Bewegungsdrang. Für sie ist es deshalb besonders wichtig, dass mögliche Gefahrenquellen ausgeschaltet oder entschärft werden. Daraus ergeben sich zum Beispiel folgende Forderungen für die Architektur:

  • Bauliche Hindernisse in Bewegungszonen eliminieren
  • Niveauunterschiede vermeiden, zum Beispiel Treppen durch einen Wechsel des Bodenbelags "voranmelden"
  • Anzahl Stufen bei den Treppen gleichhalten
  • Handläufe als Führungslinien einbauen
  • Harte Bodenbeläge, um die Schritte anderer hörbar zu machen
  • Belagswechsel und Bodenrelief bei Wegen, Treppen, Grenzen und Wänden
  • Türen in Zirkulationszonen geschlossen halten
  • Fenster in Bewegungszonen schliessen
  • Weiche Wandformen (keine Ecken)
  • Möbel in Zirkulationszonen ohne scharfe Kanten
  • Bodenheizung anstelle von Heizkörpern, um vorspringende Kanten zu vermeiden
Eingangsbereich Haupteingang SONNENBERG mit Parkplatz
Innenhof mit Sicht auf den Schul- und den Turnhallentrakt
Grosse, runde Vogelvolière vor dem Eingang zum Schulhaus